Mein Mann fehlt mir. Nicht erst seit kurzem. Sondern seit Monaten. Bereits vor seiner Abreise schon.

Denn er war schon so lange zuvor mit seinen Gedanken in seinem Einsatz. Nicht mehr bei uns. Auch wenn er es versuchte.Jetzt – so kurz vor dem Ende seines Einsatzes – fällt mir vieles so viel schwerer. Wir haben die letzten Monate so viel erlebt. So viel Gutes und auch einiges schlechtes. Durch nahezu alles kämpfte ich mich mit meinem Sohn allein durch. Mein Mann kann uns nur per Telefon oder Whatsapp zur Seite stehen.

Ihm fällt es genauso schwer wie uns.

Mein Mann hat ein ausgeprägtes Helfersyndrom. Ich weiß nicht, ob es ein solches Syndrom wirklich gibt. Aber mein Mann ist immer einer der ersten, der springt, wenn ein anderer Hilfe braucht. Sei es zu unseren Schulzeiten, als während einer Klassenfahrt zwei Freundinnen von uns sich verletzten und er für Verbandsmaterial und Notarzt sorgte. Sei es der betrunkene Radfahrer, der damals am Straßenrand umkippte als wir nach einer langen, stressigen Fahrt eigentlich nur noch zu meinen Eltern wollten, und wir dennoch hielten, um dem Mann zu helfen. Oder als ein junger Mann direkt vor uns einen Unfall mit einem Wildschwein hatte.

Mein Mann war immer der erste der hielt und half. Der sofort erkannte was zu tun ist und sich einsetzte.

Und doch kann er uns – vor allem mir – derzeit nur mit Worten helfen. Und darin ist er leider nicht ganz so gut wie mit seinen Taten.

Denn ich kann tatsächlich nicht mehr.

Seit Tagen bin ich so nah am Wasser gebaut, dass Kleinigkeiten zu einen Dammbruch führen.

Warum?

Da spielt so vieles hinein.

Ich bin depressiv. Auch wenn ich es anfangs nur schwer glauben konnte. So viele Ärzte bestätigten den Verdacht und versuchen mir aus dieser Phase heraus zu helfen.

Ich bin arbeitslos. Erst seit kurzem. Und eigentlich gelte ich auch noch als Angestellte. Das ändert aber nichts an der Tatsache, dass ich mir nun wieder einen neuen Job suchen muss.

Wahrscheinlich schrecke ich nun potenzielle neue Arbeitgeber mit meinem Geständnis ab und verbaue mir die Zukunft. Aber sei es drum. Es hilft doch nicht, das Thema tot zu schweigen. Ich gehe offen mit dem Thema um und finde es gerade in der heutigen Zeit schade, dass man mit dieser Erkrankung direkt einen negativen Stempel erhält.

Denn wir mir gerade bei der Suche nach dem passenden Ärzte-Team bewusst wurde: Scheinbar haben heute viel mehr Menschen mit diesem Thema zu kämpfen als allgemein bekannt ist.

Aber selbst das ist eben noch nicht alles. Ich habe Angst zu versagen. Angst davor, dass mir etwas passiert und sich keiner kurzfristig um meinen zuckersüßen, sehr anstrengenden Buben kümmern kann.

Ich sorge dafür, dass hier alles funktioniert, wir unsere Termine einhalten und mein Kind glücklich sein kann.

Und selbst das ist noch nicht das Ende der Fahnenstange. Denn es gibt noch ein paar andere, äußere Einflüsse. Die mir aktuell zu schaffen machen. Da ich aber dafür gelyncht werde, wenn ich über das Schreibe, was mir aktuell am meisten zusetzt, gehe ich jetzt mal auf diesen Punkt nicht zu genau ein.

Und dann ist da auch noch mein Mann. Kommt er an dem Tag zurück wie er ihn mir schon vor Monaten nannte? Wahrscheinlich nicht, denn irgendwie schafft es die Bundeswehr aktuell nicht Soldaten zu genannten Terminen rein oder raus zu fliegen. Eigentlich traurig. Damit kommt hier auch noch eine Unsicherheit hinzu, wann ich ihn denn endlich wieder in die Arme schließen darf.

Also frage ich nun euch

Darf ich sagen „Ich kann nicht mehr!“?