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Aus dem Leben

Schwermütige Gedanken zum Alter | Ich besuchte meine Großmutter im Pflegeheim

Letztes Wochenende klappte es endlich mal wieder und ich besuchte meine Großmutter im Pflegeheim. Mit Erschrecken musste ich die dortigen Zustände erkennen, aber vor allem auch riechen. Und nicht nur ein Mal hörte ich in dem Zusammenhang folgende Worte:

“Ich möchte gar nicht so alt werden.“

Wie kommt man denn darauf, nicht alt werden zu wollen? Jedenfalls nicht so alt wie meine Großmutter mit ihren zarten 95 (sogar fast schon 96) Jahren?

Ich war wirklich sehr überrascht und auch erschrocken. Von meiner Mutter höre ich diese Worte schon seit Jahren. Immerhin war sie hautnah dabei als meine Großeltern väterlicher Seits starben und wie sehr beide zuvor litten. Sie behauptet ja auch immer, dass sie nie so alt werden würde, da ihr eigener Vater mit 69 starb. Ihrer Ansicht nach kommt sie komplett nach seiner Familie und damit würde sie wohl ihre Lebenserwartung kennen.

Doch als am Wochenende die 15-jährigen Tochter meiner Cousine die selben Worte benutzte, war ich sehr erschrocken. Sie hat ihr Leben noch vor sich und macht sich schon jetzt Gedanken über ein solches Thema. Natürlich gehört der Tod zum Leben und man sollte sich dessen bewusst sein. Aber auch schon in so jungen Jahren?

Wie kommen die Menschen in meinem Umkreis denn darauf sich zu wünschen „früh“ zu sterben?

Das liegt wohl vor allem am Verfall meiner Großmutter. Dieser ist schon seit Jahren erkennbar. Leider nicht bei kurzen Besuchen, sondern vielmehr wenn man stets mit ihr zusammenlebte. Eben, so wie meine Cousine und ihre Familie.

Im vergangenenen Jahr wurde auch von den Ärzten ENDLICH eine Demenz festgestellt, beim letzten Krankenhausaufenthalt dann sogar Alzheimer. Etwas, dass in der Familie schon lange bekannt war, wurde damit amtlich. Woran wir es merkten? Sie erkannte Familienmitglieder nicht mehr, sie verdrehte Tatsachen und sie bildete sich Dinge ein. Das hört sich vielleicht im ersten Moment harmlos an, ist es aber nicht. Es ist nicht nur für den Betroffenen selbst, sondern auch für das Umfeld sehr belastend.

Meine Großmutter ist seit dem Frühjahr auf der Demenzstation eines erzgebirgischen Pflegeheims. Die Entscheidung fiel meiner Tante und auch meiner Cousine sehr schwer. Immerhin hatten sie sich viele Jahre (vor allem meine Cousine) aufopferungsvoll um unsere Großmutter gekümmert. Dazu gehörte es eben, mitten in Nacht auf zu stehen und die Großmutter dazu zu bewegen sich wieder umzuziehen und ins Bett zu gehen. Von der Tagespflege würde sie ja erst um 8 Uhr am nächsten Morgen abgeholt werden. Oder am Wochenende bereits um 7 Uhr aufstehen und ihr Frühstück machen, sie dann dazu bewegen auch etwas zu essen. Immerhin glaubte sie nach jedem Bissen sie hätte schon längst etwas gegessen und müsse satt sein.

Von all dem bekam ich selbst nur am Rande etwas mit. Das was meine Verwandtschaft da durchmachte wurde gut und gerne verschwiegen. Hilfe auch kaum angenommen.

Leipziger Mama - Schwermütige Gedanken

So richtig ersichtlich wurde es mir erst als sie mich vergangenes Jahr zu ihrem 95. Geburtstag im ersten Moment gar nicht mehr erkannte. Das tat weh. Immerhin verbrachte ich als Kind so viel Zeit mit ihr, dass sie bei mir einen bleibenden Eindruck hinterließ und auch ich ein paar Dinge aus ihrem Leben weitergeben kann. Später wusste sie mich dann wenigsten einzuordnen.

All dieser Verfall, den wir nun beobachten können, ist etwas sehr abschreckendes. Vor allem, wenn man sich nun auch noch die Betreuung im Pflegeheim ansieht.

Die Sitution im Pflegeheim – Was ich sah und wie es bei mir einen bleibenden Eindruck hinterließ

Ein Pflegeheim kostet eine Menge Geld. Machen wir uns nichts vor. Es ist nun mal so. Und wir erwarten dann natürlich auch, dass unsere Anghörige entsprechend versorgt werden. Erst recht, wenn sie auf einer Demenzstation liegen.

Als ich meine Großmutter das erste Mal besuchte, saß sie zusammengesunken mit den anderen Patienten zur Mittagsruhe im Gemeinschaftsraum. Die drei oder vier Plätze mit Fußablage waren belegt und eine Dame hatte es sich allein auf einem der Sofas bequem gemacht. Meine Großmutter neigt zu anschwellenden Füßen und muss diese unbedingt hochlegen. Sie allein achtet nicht mehr darauf und sie muss zur Nutzung einer Fußablage „überredet“ werden. Etwas, was an dem Tag nicht erfolgt war.

Sie schlurfte dann vorsichtig und mit ihrem Rollator bewaffnet zusammen mit uns in ihr Zimmer. Klein, fein und zart duftend. Dank dem Raumspray manchmal auch gut. An dem Tag bat meine Mutter uns – also meinen Sohn, meinen Mann und mich – recht zeitig darum wieder zu gehen. Wir waren einfach zu viel für sie und die Art wie mein Mann mit unserem Sohn schäckerte machte es wohl nicht besser.

Als wir – die jüngste Tochter meiner Cousine, mein Sohn und ich – nun vergangenes Wochenende sie besuchten war es schon sehr erschreckend. Wir waren angekündigt und kurz nach 14 Uhr da. Also passend bevor es Kaffee und Kuchen geben sollte. Also hätte sie nicht nur ganz anders aussehen können, sondern auch ihr Zimmer.

Denn meine Großmutter saß in ihrem Schlafanzug wie ein Schatten ihrer selbst in ihrem Zimmer. Es duftete stark nach Urin weshalb wir die Fenster aufrissen und sie in ihre Kuscheldecke packten. In ihrem Badezimmer bot sich mir das reinste Chaos. Der Mülleimer war zwar leer, aber entsprechende Sachen, die dort hineingehört hätten lagen im Raum herum. Dementsprechend schmiss ich auch erst mal den Lüfter an.

Im Nachhinein frage ich mich tatsächlich, ob an diesem Tag schon jemand bei ihr gewesen ist. Was auch die Frage aufwirft, ob der Betreuungsschüssel in dem Pflegeheim ausreichend ist. Zwei Personen für gut 20 demente Patienten dürfte wohl knapp sen, oder?

Sie ist dement, inkontinent und kann ohne Hilfe nicht allein aufstehen – geschweige denn sich selbst umziehen. Auch wenn sie etwas anderes behauptet, sie ist nicht mehr zu all dem in der Lage, was man von einem erwachsenen Menschen erwarten könnte. Sie ist vielmehr ein Kind im Körper einer Erwachsenen. Ja, so ist es, wenn wir alt werden, Muskeln und Gehirnzellen uns den Dienst versagen.

Es ist Realität und kein Alptraum!

Könnt ihr nun den Ausspruch meiner Verwandtschaft verstehen?

Ich schon irgendwie. Denn egal wie man es betrachtet, es ist erniedrigend was da im Alter auf uns wartet.

Nur wisst ihr was?

Ich möchte so alt werden wie meine Großmutter. Ich möchte sehen wie mein Sohn aufwächst. Wie er selbst heiratet, Kinder in die Welt setzt und diese wiederrum selbst Kinder bekommen.

Meine Großmutter war 50 Jahre mit dem selben Mann verheiratet. Glücklich! Und sein Tod warf sie vor 25 Jahren ordentlich aus der Bahn. Sie hat zwei wundervolle Töchter, die jede auf ihre Weise ihren Weg ging. Insgesamt 5 Enkelkinder – 3 Jungs und 2 Mädchen. Sie erlebte die Hochzeiten von 4 dieser Enkelkinder und bekam noch ganze 6 Urenkelkinder dazu! Und ja, meine Großmutter erlebte auch sehr einprägsame 30er Jahre.

Sie hatte ein langes Leben, ein schweres, ein erfülltes, ein aufregendes, manchmal dramatisches… und doch biss sie sich immer durch.

So etwas möchte ich auch haben. Denn diese Frau ist mein Vorbild.

Und daher kämpfe ich auch dafür, dass sie ihre letzten Tage in Würde beschreiten kann. Ich mache für sie den Mund auf und weise das Personal der Pflegeeinrichtung darauf hin, wenn sie etwas für meine Großmutter machen sollten. Aber ich Danke ihnen auch von Herzen, wenn sie dieser wundervollen alten Dame noch ein Lächeln entlocken können.

Und ich möchte hiermit auf Missstände bei den Betreuungsschlüsseln der Altenpflege aufmerksam machen. Jeder Mitarbeiter in diesem Bereich verdient Respekt und auch ab und an mal einen Arschtritt. Denn sie kümmern sich um Menschen, die uns am Herzen liegen sollten. Sie haben für uns das Fundament geschaffen auf dem wir stehen. Sie verdienen es, dass man sich ordentlich um sie kümmert.

Oder was meint ihr?

#RespektFürAlteMenschen

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Anne

Teilzeit-Alleinerziehend, aktuell leidenschaftliche Hausfrau und Schülerin, manchmal überfordert, Mama eines zuckersüßen Buben, Soldatenfrau, ein wenig verrückt und mit ganz viel Herz ausgestattet.

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